Leo Brouwer: A Fancy

 

Der Komponist ist unzufrieden. Mit sich und mit seiner Zeit. Nervös geht er im  Arbeitszimmer auf und ab. Er raucht. Es ist sechs Uhr früh. Die Morgenstunden sind die einzigen, die dem vielbeschäftigten Mann zum Komponieren bleiben. Da er ein erfolgreicher Künstler ist, öffentlicher Aufmerksamkeit sicher sein kann, hat er laufende Aufträge zu erfüllen. Der Schreibtisch ist übersät mit Notenblättern, Skizzen in Gestalt farbiger Diagramme, mehr Zeichnungen im Bauhaus-Stil denn Partituren ähnelnd und dazu bestimmt, in einem späteren Stadium der Arbeit zu einem Ganzen montiert zu werden. An der Wand ein Foto Strawinskys am Dirigierpult, wie dieser während der Probe eine Hand an sein Ohr legt, Klarheit von seinen Musikern einzufordern scheint.

Die Arbeit des Komponisten ist ins Stocken geraten, ein Zustand, der ihm, dem das Schreiben von Musik stets leicht von der Hand ging, bislang unbekannt war. Immer quälender werdende Zweifel am eingeschlagenen Weg sind im Begriff, sich zum ersten Mal in seinem Leben zu einer handfesten Krise auszuwachsen, die ihn vollständig zu lähmen droht. In seiner Bedrängnis schweift sein Blick halb abwesend über die Buchrücken eines vollgestopften Regals in der Zimmerecke, bis er unvermittelt an einem schmalen Bändchen hängen bleibt. Es ist die kürzlich erschienene Novelle eines befreundeten Dichters, die dieser sich zum siebzigsten Geburtstag geschrieben hat: Concierto barroco. Und anstatt sich weiter über seine Diagramme und Graphiken zu beugen, an die er selbst schon nicht mehr glauben mag, wirft er sich, einem spontanen Impuls nachgebend, auf eine bereitstehende Couch und lässt sich auf die Gedankenspiele des Dichters ein, in denen Vivaldi, Scarlatti und Händel mit einem mexikanischen Goldschmied und dessen Sklaven in Venedig am Grab Strawinskys über Fragen der Musik plaudern.

[O. Alt]

Den vollständigen Artikel lesen Sie in Gitarre aktuell 133-II/16 S. 14-23