Leseprobe

Oliver Alt
Der Sämann hält das Werk in Umlauf

Reginald Smith Brindle und sein fast unbeachtetes Gitarrenkonzert

Für Michael Sekulla
brindle

Von all jenen Komponisten des vergangenen Jahrhunderts, die die Gitarre wider besseres Wissen um die Grenzen ihrer Spieler nie an den Nagel gehängt haben, ist Smith Brindle der wohl am gründlichsten verkannte. Verfehlt wäre, wollte man dafür einzig veränderte Bedürfnisse jüngerer Spielergenerationen verantwortlich machen. Tiefgreifendes Verständnis für die Qualitäten und Werte, die in diesem Œuvre nach Ausdruck drängen, hat sich unter Gitarrenspielern zu keiner Zeit wirklich Bahn gebrochen. Für drei recht verschiedene seiner Werke, die eine Gitarre einbeziehen, ließen sich die Ursachen dieser Verkennung vielleicht annähernd wie folgt umschreiben:

In Ten-String-Music für Cello und Gitarre aus dem Jahre 1957 besitzen wir eines der ganz wenigen der Gitarre zugedachten und zugleich voll gelungenen Musikstücke, die überhaupt im Schatten der Entdeckung Anton Weberns entstanden. In dem aufs Äußerste zusammengedrängten Ausdruck bleibt das Duo seinem etwas beliebteren Schwesterstück, den mehr auf Bildhaftigkeit und Brillanz zielenden Five sketches für Violine und Gitarre (gleichfalls von 1957), weit überlegen. Ist eine derartige Abkunft aber einmal zuerkannt, sehen sich die Ausführenden gezwungen, jede einzelne Note mit der gleichen Bedeutung und Spannung aus­zustatten, wie es Webern-Miniaturen in Auf­führungen durch Streichquartette widerfahren würde. Aufwand und Können, die gute Quartettformationen solchen Werken angedeihen lassen, bleiben Maßstab respektabler Auf­führungen auch von Ten-String-Music. Dieser Forderung entgegen steht bereits das spärliche Repertoire für Cello und Gitarre, dessentwillen Spieler sich kaum dauerhaft zusammentun werden, um das Potenzial im Zusammenspiel beider Instrumente zu entfalten.

Dass niemand Aufführungen der Two Poems of Manley Hopkins (1977) für mittlere Stimme und Gitarre unternimmt, liegt dagegen freilich zuerst am Text. Gedichte des Jesuiten Gerard Manley Hopkins (1844-1889) sind anspruchsvoll genug, auch Muttersprachlern spürbar Widerstand entgegenzusetzen. Scheu vor der Konfrontation mit komplexer Lyrik sowie die Sorge, ihr hernach vor Publikum gerecht zu werden, halten zwei ausdrucksstarke und sogar bekenntnishafte Lieder im Schatten konventionellen Repertoires, wie es bei gitarrebegleiteten Liederabenden gemeinhin vorherrscht.

Die kleine Nocturne, geschrieben 1946 und gewidmet dem damals 13-jährigen Julian Bream, streift, wiewohl Teil frühester Unternehmungen des Komponisten, Reife und Perfektion mancher Etüden eines Fernando Sor. Mit Recht hat ihr Schöpfer lebenslang Anhänglichkeit an sie bewahrt. Ihre feingliedrige, auf engstem Raum behände geführte Dreistimmigkeit, verwischt allerdings gänzlich unter den im schlechten Geschmack ihrer Zeit verhafteten Finger­bezeichnungen des Autors: ein Irrtum, dessen Korrektur Voraussetzung jeder Neuentdeckung dieser Miniatur scheint.

Die Auswahl ist rein persönlich gehalten, keinesfalls als abgeschlossene Blütenlese zu missdeuten. Mit Leichtigkeit lässt sich mehr an Hervorragendem aus seiner Musik für und mit Gitarre herbeizitieren: Das deklamatorische Memento (1973), interessanterweise erst in recht spätem Entstehungsstadium mit dem Lorca-Gedicht gleichen Titels in Verbindung gebracht. Manch kurzes Prelude bietet vitale und einfallsreiche Ausformungen seiner charakteristischen Tonsprache. Ein Concerto lirico für Gitarre und elektronisches Tasteninstrument (!) von 1992 - der Titel verweist auf die grundsätzliche Gestimmtheit in des Komponisten Temperament - offenbart dagegen die überraschende Fortentwicklung einer lange gehegten Schreibart, in Gang gebracht vielleicht auch von der sonderlichen Besetzung. Und schließlich existiert neben manch anderem mehr ein Gitarrenkonzert aus dem Jahre 1977, das sich vielleicht tatsächlich nicht ganz von selbst versteht und von dem hier noch die Rede sein wird.

Den vollständigen Artikel lesen Sie in Gitarre aktuell 138-I/19 S. 9-13, 18-24

 

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