Leseprobe

Jürgen Klatt posthum Historisches Porträt oder Spurensuche 2.0

Prolog
Der Berliner Gitarrist Jürgen Klatt (1935-1995) war vermutlich ein eher stiller Vertreter seiner Zunft, der trotz beachtenswerter Aktivität und musikalisch bemerkenswerter Qualität für die heutige Gitarristengeneration kaum Spuren hinterlassen hat. Er ist gewiss nicht der Einzige, der im Schatten berühmter internationaler Namen stand und steht, obwohl er wie sein ebenfalls aus Berlin stammender Gitarristenkollege Siegfried Behrend (1933-1990) fast gleichaltrig war, also sein Wirken in eine Zeit hinein fiel, die man (aus heutiger Sicht) als (wieder einmal) Höhepunkt des Instruments sehen kann. Behrend war im Gegensatz zu anderen regionalen Gitarrenkünstlern international unterwegs gewesen.
Die künstlerischen Stationen, die über Jürgen Klatt bekannt sind, haben durch den kürzlich veröffentlichten Leserbriefanstoß von Leonhard Beck ein neues Interesse an ihm geweckt, das ein anderer Gitarren-Aficionado, der sich mit selbst zugeschriebenem Forschergeist dem Thema widmete und Lücken ergänzte. Rainer Stelle stellte der Redaktion von Gitarre aktuell freundlicherweise seine Ergebnisse über Klatt zur Komplettierung für dessen Biografie zur Verfügung. Dafür sei ihm und seinen Kontaktpersonen sowie Materialzulieferern an dieser Stelle gedankt.
Ging es zuerst primär um die Lebensdaten von Klatt, dessen Todesdatum auch in einschlägigen Lexika nicht genannt wurde - also schlichtweg unbekannt war -, so hat die Recherche danach einige Informationen mehr zutage gebracht, die hier nicht nur gern, sondern auch verpflichtend dokumentiert werden sollen.
Die Spurensuche und das letztendliche Aufdecken der Daten schildert Stelle selbst, womit gleichzeitig wieder einmal deutlich wird, inwieweit das Gitarrenspiel bei Laienspielern wie auch bei Semi-Professionellen verbreitet und beliebt war.
Die Stellung des Gitarrenlehrers mit Diplom war stets eine besondere und für die Betroffenen meist eine existenzielle Frage. Denn welcher engagierte Gitarrist kann schon vom Konzertieren allein leben? Hat sich daran bis heute etwas geändert?
Insofern ist auch der Werdegang des Gitarristen Jürgen Klatt aufschlussreich, zumal sich sein gitarristisches Betätigungsfeld überregional darstellt. Berlin und einige andere deutsche Städte, aber auch Paris und Spanien sind wesentliche Stationen, die ihn aus unterschiedlichen Gründen prägten.
Natürlich kann auch diese Dokumentation über Jürgen Klatt nur lückenhaft sein. Einige Fakten lassen Rückschlüsse zu auf seine gitarristische Entwicklung bzw. auf seine stilistische Ausrichtung. Der Leser kann versuchen, sich anhand des Materials ein Bild zu machen.
Die französische Fachzeitschrift "Guitare et Musique" aus den ersten 1960er Jahren hatte erfreulicherweise schon damals chronistisch gearbeitet und einige Berührungspunkte, die Klatt mit der französischen Gitarrenszene gehabt hatte, dokumentiert. Es ist gewiss keine objektive Sicht und Darstellung, dennoch führt sie in der Spurensuche etwas weiter. Die Texte, die teils Wiederholungen enthalten, wurden hier sinngemäß ins Deutsche übertragen. Sie sollen die Wertschätzung, die Jürgen Klatt in Fachkreisen genoss, wiedergeben.

Den vollständigen Artikel lesen Sie in Gitarre aktuell 139-II/19 S. 6-9 zurück
Da sich die Recherchen zum Thema “Klatt“ über einen Zeitraum von mehreren Wochen hinzogen, wurden nach Veröffentlichung des Basis-Artikels in der Print-Ausgabe Gitarre aktuell Nr. 139-II/19 weitere Erkenntnisse gewonnen, die hier der Vollständigkeit halber als Nachtrag ergänzt werden sollen (durch die Verwendung von Zitaten aus verschiedenen Quellen, ergaben sich z.T. doppelte bzw. ähnliche Informationen):

Wichtig als Schüler von Jürgen Klatt ist noch Uwe Sandvoß zu nennen. Er studierte ab 1981 bei ihm am Institut für Musikpädagogik der Universität, wo Klatt eine Mittelbau-Stelle (Vollzeit) innehatte, d.h., keine Professor, aber eine feste Anstellung als künstlerischer Mitarbeiter, die er bis zu seinem Tode - er verstarb aufgrund eines Krebsleidens - ausübte. Seine Aufgabe bestand darin, angehenden Lehrern (Grund-, Haupt-, Real- und Sonderschule) und Magisterstudenten Gitarrenunterricht zu erteilen. Klatt und Sandvoß bildeten ab Anfang der 1990er Jahre ein Gitarrenduo (diverse Konzertauftritte). Uwe Sandvoß erhielt nach Klatts Tod das Angebot, die Arbeit von Klatt im Rahmen eines Lehrauftrags fortzuführen, was er für einige Semester gern getan hat - und es folgten noch einige Semester an der Frankfurter Musikhochschule. Heute leitet Herr Sandvoß die Musikschule der Stadt Langen (Südhessen), erteilt dort auch Gitarrenunterricht und benutzt immer gern die Transkriptionen seines Lehrers mit den ausgezeichneten Fingersätzen zum Ensemblespiel. Jürgen Klatt unterrichtete übrigens in den letzten Jahren vor seinem Tod einen Nachmittag je Woche Kinder, Jugendliche und Erwachsene in dieser Musikschule.4

Jürgen Klatt lernte ab seinem 14. Lebensjahr Gitarre und Klavier. Mit 17 Jahren begann er mit dem Studium seiner beiden Instrumente (Gitarre bei Adalbert Quadt) sowie Harmonielehre und Komposition auf dem Städtischen Konservatorium. 1955 studierte er Flamencogitarre bei Teodoro Castro (El Niño de Cádiz, 1893 - ca. 1960) in Spanien. Nach seiner Abkehr von Berlin wirkte Klatt zuerst in Darmstadt; nach Auftritten im „Club Plein Vent“ 1960 unterrichtete er bis 1961 an der „Académie de Guitare de Paris“ (gegründet 1953 von Gilbert Imbar)2, danach am Würzburger Konservatorium, ab 1972 durchgehend in Frankfurt am Main. Ab mindestens 1975 leitete er ein Gitarrentrio unter dem Namen „Deutsches Gitarrenensemble“, das sich jeweils aus ihm und zwei seiner Schüler zusammensetzte, die er meist privat in einer zweiten Wohnung in der Wittelsbacherallee 62 (extra zu diesem Zwecke angemietet) unterrichtete oder vereinzelt auch am Institut für Musikpädagogik der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

Die ukrainisch-amerikanische Sängerin Oksana Sowiak berichtet in ihrer Biografie, dass sie Volksliedkonzerte mit Jürgen Klatt als Begleiter gegeben hat.8  1971 nahmen sie die LP „Peace“ (MPS Records) mit Liedern von Theodorakis, Moustaki u.a. auf.9

Ergänzung/letzte Fassung der Anmerkungen, Quellen bzw Web-Links  
1      http://www.oliverjaeger.eu/ und https://www.kulturpilger.de/oliver-jaeger-mediterran-atlantico/
2      "Guitare et Musique", Paris, Febr.-März 1960, Seite 6  und  Sept.-Okt.-Nov. 1960, Seite 8
3      http://rafaelcortes.net/de/biografia/
4      Telefongespräch mit Uwe Sandvoß vom 21. Juni 2019 - vielen Dank für die wertvollen Informationen
5      http://www.bach-cantatas.com/Bio/Klatt-Jurgen.htm
6      http://www.nordend19.de/
7      http://www.fred-kettner.de/schauspielervideos_und_kurz-vita.html
8      http://www.oksana-sowiak.de/biographie.html
9      https://www.discogs.com/Oksana-J%C3%BCrgen-Peace/release/3191017