Leserbriefe

Betr.: Die neue Gak Nr. 140-I/20
„Heimspiel vom großen Fluss“ - Adriana Balboa spielte „ihre“ Musik

Mich haben in der neuen Ausgabe der Gak die leicht lesbaren, gut informierten, aber gleichzeitig kritischen Artikel sehr gefreut. Auch toll, dass die Lektüre zur Fortsetzung der Recherche anregt (bei mir konkret ist ein Interesse an Carullis Bearbeitungen seiner Zeitgenössen geweckt worden). Chapeau!
Nach meinem Auftritt im letzten Oktober in der gitarre-foundation hamburg (gfh) habe ich es bereits gespürt, aber nun las ich es deutlich in der Rezension über das Konzert, dass mein "Experiment" verstanden worden ist, und dies bereitet mir eine ganz besondere Freude. Ich versuche tatsächlich, mir die gespielten Kompositionen anzueignen. Es geht mir aber nicht um eine Umgestaltung im Sinne einer Selbstdarstellung. Vielmehr versuche ich zu verstehen, was die Komponisten ausdrücken wollten. Meine ganz persönliche Note liegt eher in der Auswahl der Stücke und in dem Leitfaden, den das Programm zusammen hält. Ein strittiges Thema, das mich seit langem beschäftigt: die Freiheiten und Grenzen meiner Rolle als Interpretin.
Auf jeden Fall hat mir das Lesen der Gak positive Impulse gegeben, was in dieser Krisenzeit besonders wertvoll ist, herzlichen Dank dafür!
Adriana Balboa
Betr.: Gitarre aktuell Nr. 140-I/20, Themen special
Mondschein mit Carulli. Ludwig van Beethoven im Spiegel der Gitarre.
Betrachtungen zu einem ungleichen Jubiläum.

"Ludwig van Beethoven im Spiegel der Gitarre", Gitarre aktuell Nr. 140-I/20, Teil 1, wird der Gitarre nicht immer gerecht. (Izhar Elias: ... das moderne sechssaitige Instrument war in dieser Zeit praktisch unbekannt.). Ludwig v. B. hat bestimmt Kenntnis von der Gitarre und ihren Möglichkeiten gehabt. Dafür wird schon Nikolaus Simrock, ein Freund, der mit Ludwig v. B. zusammen in Bonn musizierte, gesorgt haben. Die Familien Beethoven und Simrock waren schon lange befreundet.
Nikolaus S. hatte sich überschwänglich für die Herausgabe der Sor-Gitarrenschule eingesetzt und dafür gesorgt, dass er sie französisch/deutsch drucken durfte. Schon Jahre vor dem Druck. Später druckte er viele Erstausgaben von seinem Freund Ludwig v. B. sowie von F. Sor op. 1-36. Auch Diabelli als Herausgeber sollte man neu beurteilen.
Die Gitarre als sechssaitiges Konzertinstrument war zur Beethoven-Epoche schon voll im Einsatz, natürlich versuchten alle Instrumentenbauer sie zu vervollkommnen. Fernando Sor in Spanien und England gab Hinweise, in Wien erhielten Ertel und Stauffer 1822 ein besonderes kaiserliches Privileg für ihre Verbesserungen der Gitarre. Wien war begeistert von der Gitarre, nicht nur durch Mauro Giuliani mit seinen Dukatenkonzerten auf sechssaitiger Gitarre. (Alle Gitarristen zu nennen, die zu der Zeit die sechssaitige Gitarre spielten, würde Seiten füllen, natürlich variierten die Formen des Korpus’ in Größe, Breite und Einschweifung.)
Berühmt war der Gitarrenbauer J.W. Bindernagel (vor 1800) für seine sechssaitigen Gitarren, der sechs Saitensatz kostete bei ihm günstig 10 Thaler sächsisch.
Ludwig van Beethoven erlebte kurz nach 1800 eine unglaubliche Gitarren-Begeisterung der Wiener Bevölkerung, dies beispiellose Ereignis ging in die Musikgeschichte als "Bazillus Chitaralis" ein. V. Gelli gab sofort eine "Gitarrenschule den verehrten Damen Wiens" heraus.
Aber warum und wie sollte sich Ludwig van Beethoven mit der Gitarre beschäftigen? Sein Vater wollte ein Piano-Wunderkind aus ihm machen. Als er in Wien ankam blieb ihm nichts anderes übrig, gefördert durch seine dortigen Lehrer, in den Salons adlige Gönner und Freunde als Klaviervirtuose zu begeistern, um seinen Lebensunterhalt zu ermöglichen. Eine Freundin spielte Mandoline, also komponierte Ludwig v. B. für die Mandoline. Hätte sie Gitarre gespielt, wer weiß?
Beethovens „unsterbliche Geliebte“, Gräfin Guicciardi, vermählt mit Graf Gallenberg, der auch für die sechssaitige Gitarre komponierte - das dürfte ihm nicht entgangen sein. Mit 30 Jahren bemerkte er das Schwinden seines Gehörs. 1802 beschäftigten ihn Selbstmord-Gedanken. Mit 38 Jahren war er stark schwerhörig und mit 48 völlig taub. Als er mit seinen Vokalkompositionen fertig war, soll er gesagt haben: "Nun zurück zu meiner Weise". womit er die Instrumentalmusik gemeint hat.
Fernando Sor hat in seiner Schule ausführlich analysiert, welche Art Kompositionen für die Gitarre bearbeitet werden könnten und wovon man die Finger lassen soll.
Es lohnt sich also nicht, nach den verschollenen Arbeiten des Herrn Adan zu suchen, der damals alle Beethoven-Sinfonien für Gitarre solo bearbeitet hat. (...)

Nachtrag
(...) Klar, über die Frage, warum Beethoven nichts für die Gitarre schrieb, kann ich auch nicht beantworten, jedoch beschäftigte mich sehr die Persönlichkeitsentwicklung im Laufe seines Gehörverlustes, weil ich so einen Vorgang bei einem befreundeten Musiker erlebte. Es ändert sich im Wesen eines solchen Menschen viel, obwohl durch heutige technischen Gehörhilfen sich gerade für Musiker, wenn sie es sich finanziell leisten können, Erstaunliches möglich ist.
Beethoven, zwar beliebt, hatte auch viele Probleme mit den Menschen seiner Umwelt, doch seiner Isolation verdanken wir sein großartiges Gesamtwerk. Doch darüber gibt es genügend Literatur.
Auf einen Aspekt möchte ich noch aufmerksam machen. Das ist der Klang der alten Instrumente. Die Klaviere während der Beethoven-Zeit klangen der Gitarre sehr ähnlich. Es gibt sogar Einspielungen auf historischen Instrumenten (aus dem Nürnberger Museum) zum Beispiel mit Gitarre
und Klavier, bei denen man hörend nicht feststellend kann: spielt diese Passage das Klavier oder die Gitarre. Wenn Beethoven anfänglich auf den Klang Wert legte, war es ihm egal, ob das auf "seinem" Instrument Klavier, oder fast gleichklanglich auf der Gitarre zu hören war, von daher hat er wohl keinen Anreiz empfunden, sich mit der Gitarre zu beschäftigen.
Die Unterschiede zwischen den alten Klavieren und den modernen Konzertflügeln sind Welten. Eine russische Gräfin hatte vor Jahren in Trondheim Tasteninstrumente aus Europa vom Mittelalter bis zum 20. Jh. gesammelt. Alle spielbar, ich war da alleine und habe mir von Musikstudenten gerade die Klaviere aus der Beethoven-Epoche ausgiebig vorspielen lassen. Von dem Erlebnis her möchte ich sagen: Eine gute Transkription eines Beethoven-Werkes auf der Gitarre gespielt ist dem Original näher als wenn das Werk auf einem modernen Konzertflügel in Orchesterlautstärke zum Klingen gebracht wird. Die alten Klaviere waren viel leiser, ihre Verbesserung als laute Konzertinstrumente begann erst ab etwa 1850.
Mich würde die Namensgebung der Sonate op.150 von Mauro Giuliani als "Eroica" nach L.v.
Beethovens Umbenennung der 3. Sinfonie in Eroica interessieren. Beethovens Partitur war schon
fertig, als ein Notenschreiber ihm berichtete, Buonaparte habe sich zum Kaiser erklärt. Daraufhin
zerriss L.v.B. wütend die erste Seite. Der erste Satz wurde neu geschrieben mit dem Titel "Eroica".
Giuliani und Beethoven hatten Kontakt miteinander, wir werden nie erfahren, worüber sie gesprochen haben, doch was hat Giuliani bewegt, ebenfalls den Titel zu gebrauchen?
Gerhard Nestler hat in seiner "Geschichte der Musik" gemeint, vorher begründet, "Sinfonia Eroica würde dann nichts anderes bedeuten als Sinfonia dramatica." (Sich abhebend von den 1. zwei.)
Ich habe noch keine gründliche Analyse der 11 Seiten langen Giuliani Eroica gefunden, möglichst im Vergleich zu anderen Gitarren-Sonaten, um festzustellen, ob Giuliani ebenfalls ein dramatisches Gitarrenwerk im Sinn L.v.B. wollte. Hat Beethoven Giuliani angeregt, beeinflusst? Das ist
vorstellbar.
Im Übrigen wohnte Ludwig v. Beethoven zu der Zeit in der "Eroicagasse".
Wolfgang Dix