Leseprobe

Die Gitarre in Frankreich - Das Multitalent Christian Aubin

Christian Aubin wurde am 22. Oktober 1927 in Valence (an der Rhône, Département Drôme) geboren. Er lernte ab 1938 Violoncello bei dem spanischen Maestro Domingo Taltavull, ehe er sich um 1943 der Gitarre zuwandte. Er nahm in Paris zuerst Unterricht bei Sarablo Clavero, der ihm nicht viel beibrachte, dann ab 1944 bei Jean Lafon (1880-1963), der ihn durch seine Strenge und Unnachgiebigkeit zum Konzert­künstler machte. Seine ersten Auftritte waren in Pariser Clubs: 1952 bis 1954 im "Catalan", einem von Castagnet eröffneten klassischen und Flamenco-Gitarrenclub, dann im berühmten Gitarristentreff "Club Plein Vent des amis de la guitare et de la chanson" (42, rue Descartes) von Gilbert Imbar, wo Aubin 1954-1962 auch Kurse gab ("Académie de Guitare de Paris") - im Verein mit so hervorragenden Gitarristen wie Ramón Cueto und José Maria Sierra Fortuny - die beiden letzteren waren die ersten, die 1955 mit einer Gitarre von Ignacio Fleta in Paris auftraten. Der "Club Plein Vent" war in jener Zeit Treffpunkt vieler europäischer Spitzengitarristen. Und die Dozenten der "Académie de Guitare de Paris" haben in den 1960er-Jahren sogar eine Deutschlandtournee unternommen.2 Schon 1953 war er mit seinem Gitarrenspiel an dem französischen Kurzfilm "Crin Blanc" ("Der weiße Hengst") beteiligt.
1956 gab Aubin sein erstes richtiges Solokonzert an der École normale de musique de Paris und 1959 sein letztes - ebenfalls in Paris - im Salle Gaveau im Duett mit Jean Lafon. 1956 schrieb Pierre Boulez ein Werk für Gitarre und Orchester - und wollte Christian Aubin als Solisten der Uraufführung. Aubin antwortete Boulez, dass der Gitarrenpart nicht spielbar sei. Ein verärgerter Boulez entgegnete, wenn er das nicht spielen könnte, würde es ihm nicht schwer fallen, andere Interpreten zu finden. Aber einige Monate später, nachdem er zweifellos auf dem ganzen Planeten vergeblich einen Gitarristen gesucht hatte, sandte er einen Entschuldigungsbrief an Aubin, in dem er zugab, dass das Stück tatsächlich nicht spielbar war und dass er die Gitarre durch zwei Harfen ersetzen würde!

Den vollständigen Artikel lesen Sie in Gitarre aktuell 143-I/22 S. 22ff. zurück